Bericht - Orientalischer Tanz macht Spaß
...von der berühmten Tänzerin Nelly Mazloum - Orient-Magazin (Ausgabe 3/4, Jahr 2000)
Der Körper ist ein wunderbares Instrument. Das habe ich zum ersten Mal 1992 in meinem Buch „Oriental Dance Technique" geschrieben, und ich bleibe dabei, ich werde es mein Leben lang behaupten, weil das die Wahrheit.
In der Kunst des Tanzens kann sich der Körper am schönsten ausdrücken. Tanz ist ein langer Prozeß, der besondere Aufmerksamkeit erfordert. Jede Kunst, die ihr Geld wert ist, verlangt von dem Künstler, daß er sich entwickelt, arbeitet und eine gewisse Reife in seinen Kenntnissen und der Schönheit seiner Kunst erreicht. Der Tanz verleiht dem Körper Schönheit, indem er ihm Bewegungs- und Ausdrucksfreiheit gewährt. Die Beschäftigung mit dem Körper als Instrument zur Entfaltung ist eine phantastische Erfahrung. Das ist zwar oft harte Arbeit, doch führt sie zu dem bemerkenswerten Ergebnis, Frauen einen übersprudelnden Quell der Weiblichkeit zu bieten, der den Körper zu Anmut und Sanftheit anregt. Halten wir hier inne und wenden wir uns einmal den praktischen Aspekten des Orientalischen Tanzes zu.
Wieviele Knochen und Muskeln muß eine Tänzerin unter Kontrolle haben, bevor der Körper in der Lage ist, auf mentale Befehle zu reagieren??? Ich lasse hier ein paar Fragezeichen stehen und überlasse es Euch, es selbst herauszufinden ... Tänzerinnen und Lehrerin¬nen sind gut beraten, wenn sie von Zeit zu Zeit ihr Gedächtnis auffrischen und Antworten auf solche Fragen suchen, bevor sie zu alt sind, sie umzusetzen.
Ich bin besorgt darüber, daß Orientalischer Tanz nur als Zeitvertreib betrieben wird. Immer wieder höre ich die Redensart: „Aber ich habe überhaupt nicht die Absicht, das zu meinem Beruf zu machen!!!" Dann kann ich mich nur wundern, wie es dennoch möglich ist, daß alle 6 Monate Tänzerinnen und Lehrerinnen mit weniger als drei Seminaren Erfahrung plötzlich auf dem Markt auftauchen? Es gibt inzwischen mehr Tänzerinnen und Lehrerinnen als Schülerinnen!"
Viele sind noch immer davon überzeugt, daß für Orientalischen Tanz keine Vorbereitung, keine Beachtung von Körperregeln, keine besondere Methode, keine sorgfältige Ausführung, keine Disziplin im Unterricht erforderlich ist. Diese grundlegenden Vorstellungen wurden ihnen leider von jenen eingeimpft, die vor über zwanzig Jahren den Orientalischen Tanz nach Europa gebracht haben. Sie haben den allgemeinen Eindruck vermittelt, daß Orientalischer Tanz wie Bauchtanz einfach zur Befriedigung der weiblichen Eitelkeit getanzt und als Ermutigung betrachtet werden kann, zur eigenen Sexualität zu stehen. Daß man ihn in beliebiger Art und Weise tanzen kann, ohne ihn vorher zu erlernen, indem man einfach instinktiv einen privaten Stil annimmt. Diese Leute haben Bücher über matriarchalische Symbole und Fruchtbarkeitsriten gelesen, sich aber nicht mit der alten Geschichte und Kultur des Ostens auseinandergesetzt. Vielleicht scheint Orientalischer Tanz leicht, zu leicht, um ernst genommen zu werden? Sicher ist er leicht, wenn man nicht mehr will, als auf einem Tisch stehen und die Hütten bewegen, fasziniert von der Tatsache, daß die Frauen endlich Tabus zu diesem Teil des Körpers gebrochen haben! Natürlich ist es einfach, dort zu stehen, so verführerisch zu wirken wie nie zuvor, mit einem Lächeln auf den Lippen, wie ein für die Nachwelt erstarrtes Abbild vollkommener Glückseligkeit. Doch kann das das Ziel von 5000 Jahren ägyptischer Kultur sein? Wie kann das nur irgend jemand glauben?
Diese Einstellung hat dazu geführt, daß Grundsätze der Fußarbeit, eine pädagogisch aufbereitete Methodik, eine Systematik fein abgestufter Positionen und Tanzterminologie beiseite gelassen wurden. Sie hat dazu geführt, daß Armarbeit durch das Halten von in beiden auf Halbmast erhobenen Händen ersetzt wurde und rein statisch getanzt wird. Hin und wieder wird der Kopf leicht geneigt, um die tollen Possen der Hüften zu beobachten, wie zur Bewunderung des großartigen Streiches, der das Publikum verrückt macht. Gut! Bravo! Aber wie wäre es mit ein bißchen mehr Tanz? Mehr Originalität? Mehr Bewegungen, die auf einen authentischen Stil hinweisen? Wo bleiben die Posen, die Gesten, das Kopfschnappen (head snaps), die Wirbel, die Fallschritte, der Humor, der Chic? Wie steht es mit der Umsetzung der Musikalität, die der Körper verinnerlicht haben sollte, in Rhythmen und Schrittfolgen? Und die Kostüme? Auch Heutzutage ist das Kostüm die „Hauptsache", der Schmuck „Alles". Es wird auf das künstliche Beiwerk gesetzt, das die Sache schon schaukeln wird, und auf ein schönes Bein, das aus einem Rockschlitz hervorblitzt, um der Choreographie eine Identität zu geben und dem Tanz einen Anfing von Kunstfertigkeit.
Hier wird alles getan, sich in Glanz und Glitzer, buntem auffälligem Pomp zu übertreffen und Eindruck zu schinden. Aber wo bleibt der Tanz? Wo die Leidenschaft, der Geschmack, die künstlerischen Fähigkeiten, die kenntnisreich umgesetzte Technik, die echte Darstellung? Wo bleibt die Entfaltung einer ästhetischen Sinnlichkeit, die die Bühne erfüllt? Wo sind die mit kulturellem Feingefühl ausgeführten Bewegungen, die dem Tanz etwas Edles, einen Zauber verleihen, die echte Gefühle im Herzen hervorrufen und den Tanz unvergeßlich werden lassen?
Ja, es stimmt, Orientalischer Tanz macht großen Spaß. Nach allem, was gesagt und getan wurde. Es macht kaum einen Unterschied, ob wir phantastisch sind oder nicht. Er macht Spaß und wir lieben ihn. Warum also nicht? Sicher, solange es nur zum Spaß ist, tanzt weiter, wie es Euch beliebt. Aber wenn Ihr Professionalität anstrebt, werdet vernünftig. Hört auf eine alte Frau, die ihr ganzes Leben dem Tanz und dem Unterricht verschrieben hat: „Geht tiefer! Lernt mehr! Übt härter!" Zeigt, was harmonisches Loslassen bedeutet, was Sanftheit ist, zeigt, wie die Fülle des Alten Orients diejenigen in ihrem Glanz erstrahlen läßt, die ehrlich in ihrem Innern, in Liebe und in ihren Fähigkeiten wachsen, weil sie im Einklang sind mit dieser phantastischen Art zu tanzen.









